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Cover von Charles Bukowskis Roman „Der Mann mit der Ledertasche“
Cover: Verlagsausgabe · Bildquelle: Verlag / Amazon-Produktbild
BUCHVORSTELLUNGROMAN · 1971

Der Mann mit der Ledertasche

Charles Bukowskis erster Roman: elf Jahre bei der Post von Los Angeles

ORIGINAL
Post Office
HELD
Henry Chinaski
FÜR
Leser mit Sinn für Galgenhumor

Charles Bukowski war fünfzig, als „Der Mann mit der Ledertasche“ 1971 erschien. Bis dahin kannte man ihn vor allem als Dichter und als Verfasser von Kurzgeschichten für kleine Untergrundblätter. Sein Verleger John Martin hatte ihm angeboten, ein festes monatliches Einkommen zu zahlen, wenn er dafür die Post verlässt und schreibt. Bukowski kündigte, und das erste Ergebnis war dieser Roman. Er handelt, wenig überraschend, von der Post.

Für einen Erstling ist das Buch erstaunlich sicher. Gleich der erste Roman ein Volltreffer, könnte man sagen: Der Ton, der Bukowski weltberühmt gemacht hat, ist von der ersten Seite an da. Kurze Sätze, kein Schmuck, viel Alkohol und ein Humor, der so trocken ist wie die Luft in Los Angeles im Sommer.

Henry Chinaski bei der Post

Erzählt wird von Henry Chinaski, Bukowskis bekanntestem Alter Ego. Er beginnt als Aushilfsbriefträger, der jeden Tag eine andere Route übernehmen muss, und damit genau die, die keiner der festen Zusteller will. Es regnet, die Hunde beißen, die Kunden beschweren sich, und ein Vorgesetzter namens Jonstone macht ihm das Leben schwer, wo er nur kann. Chinaski trinkt nachts, kommt verkatert zur Arbeit und überlebt irgendwie.

Nach ein paar Jahren gibt er auf, kündigt, lebt eine Weile von Pferdewetten und heiratet die junge Joyce, die aus einer reichen Familie in Texas stammt. Die Ehe hält nicht lange, und Chinaski kehrt zur Post zurück, diesmal als fester Sortierer an einem Fließband aus Briefen. Dort bleibt er, bis die Arbeit seinen Körper zu zermürben beginnt: Er bekommt Schwindelanfälle, kann kaum noch sitzen und spürt, dass dieser Arbeitsplatz ihn langsam umbringt.

Arbeit als Zermürbung

Die Stärke des Romans liegt in den Beschreibungen der Arbeit. Bukowski zeigt, wie ein Apparat aus Vorschriften, Stoppuhren und Formularen einen Menschen bis auf die Knochen abnutzt. Die Sortierer müssen eine bestimmte Zahl an Briefen pro Minute schaffen, Pausen werden gezählt, jede Verspätung landet in einer Akte. Wer krank wird, muss es beweisen. Nichts davon ist dramatisch, und gerade deshalb ist es so bedrückend.

Diese Passagen sind faszinierend, an manchen Stellen aber auch eintönig, und das ist kein Zufall. Ein Roman über Monotonie kann nicht vollkommen frei von ihr sein. Bukowski bricht die Wiederholung immer wieder mit kleinen Episoden auf: ein Gespräch mit einer einsamen Frau an der Haustür, ein Tag auf der Rennbahn, ein Streit mit einem Kollegen. Diese Szenen sind so knapp erzählt, dass sie wie Schnappschüsse wirken.

Ein Buch über die Post, das mehr über Arbeit erzählt als viele Soziologen.LESELAMPE

Frauen, Pferde und Whiskey

Ein Punkt, der beim Lesen heute stärker auffällt als 1971, ist das Frauenbild. Chinaski beschreibt Frauen fast nur über ihre Körper, und Beziehungen bestehen bei ihm aus Begehren, Streit und Rückzug. Man kann das als ehrliche Darstellung eines bestimmten Männertyps lesen, der genau so dachte, oder als Schwäche des Autors. Wahrscheinlich ist es beides. Wer Bukowski liest, muss damit leben.

Die Pferderennen dagegen sind Chinaskis eigentliche Liebe. Auf der Rennbahn wirkt er zum ersten Mal konzentriert, fast fröhlich. Er hat ein System, er rechnet, er gewinnt manchmal. Es ist die einzige Tätigkeit, bei der er selbst entscheidet, und das macht sie für ihn so wertvoll. Der Whiskey wiederum ist kein Vergnügen, sondern Betäubung, und Bukowski macht daraus kein Geheimnis.

Der Prophet zählt im eigenen Land nichts

In den USA galt Bukowski lange als Randfigur, als Dichter für die kleinen Zeitschriften. In Europa, und besonders in Deutschland, wurde er dagegen früh zum Bestsellerautor. Das hat auch mit seiner Herkunft zu tun: Er wurde 1920 in Andernach am Rhein geboren und kam als Kleinkind mit seinen Eltern nach Amerika. Seine Bücher erschienen hier in hohen Auflagen und hielten sich auf den Bestseller-Listen, während man ihn in seiner Heimat noch als Säufer mit Schreibmaschine abtat.

„Der Mann mit der Ledertasche“ endet mit einem Satz, der zum Programm wurde: Vielleicht würde er einen Roman schreiben, sagt Chinaski, und dann tat er es. Es folgten unter anderem „Faktotum“, „Das Liebesleben der Hyäne“ und „Das Schlimmste kommt noch“. Wer verstehen will, woher dieses Werk kommt, beginnt am besten am Anfang, bei der Post.

FAZITLESELAMPE

Ein derber, trauriger und sehr komischer Roman über Arbeit, die einen Menschen auffrisst. Nicht jede Seite ist spannend, aber kaum eine ist gelogen.

LESEN, WENN

Sie ehrliche Bücher über Arbeit und Alltag schätzen.

LIEBER NICHT, WENN

Sie sich an Alkohol, Flüchen und einem rauen Frauenbild stören.

Häufige Fragen

Fragen zum Buch

01

Worum geht es in „Der Mann mit der Ledertasche“?

Henry Chinaski, Bukowskis literarisches Alter Ego, arbeitet über ein Jahrzehnt bei der amerikanischen Post in Los Angeles, erst als Aushilfsbriefträger, später als Sortierer. Dazwischen trinkt er, wettet auf Pferde, heiratet und lässt sich scheiden, bis er am Ende kündigt, um einen Roman zu schreiben.

02

Wie heißt das Buch im Original und wann erschien es?

Der Originaltitel lautet „Post Office“. Der Roman erschien 1971 und war Charles Bukowskis erster Roman. Er hatte vorher vor allem Gedichte und Erzählungen veröffentlicht.

03

Ist der Roman autobiografisch?

Weitgehend. Bukowski arbeitete selbst viele Jahre bei der Post in Los Angeles und verarbeitete diese Zeit im Buch. Chinaski ist aber eine literarische Figur, und Bukowski hat zugespitzt, verdichtet und erfunden, wo es der Geschichte half.

04

Welches Bukowski-Buch sollte man danach lesen?

Naheliegend ist „Das Liebesleben der Hyäne“ (Women, 1978), in dem Chinaski als erfolgreicher Schriftsteller auftritt. Wer die Jugend der Figur kennenlernen will, greift zu „Das Schlimmste kommt noch“ (Ham on Rye, 1982).

05

Warum war Bukowski in Deutschland so erfolgreich?

Bukowski wurde 1920 in Andernach geboren und kam als Kleinkind in die USA. In Deutschland erschienen seine Bücher früh in hohen Auflagen, und er hatte hier zeitweise mehr Leser als in seiner Heimat. Ein Grund war wohl die Mischung aus derber Ehrlichkeit und trockenem Humor.