Der Vorleser Figuren Hanna, Michael und wer wem was verschweigt
Hanna Schmitz und Michael Berg ausführlich charakterisiert, dazu der Vater, die überlebende Tochter, der Professor und Michaels eigene Familie: wer welche Rolle spielt und wie die Figuren zueinander stehen.
Hanna Schmitz: Scham statt Schuld
Hanna ist 36 Jahre alt, als Michael sie 1958 kennenlernt. Sie arbeitet als Straßenbahnschaffnerin, lebt allein in einer kargen Wohnung und spricht kaum über ihre Vergangenheit. Ihr Auftreten ist bestimmt, oft schroff. Sie gibt den Takt der Beziehung vor, entscheidet, wann Michael kommt, und besteht auf dem Ritual aus Vorlesen, Duschen und Miteinanderschlafen. Dass sie sich vorlesen lässt, wirkt zunächst wie eine Laune. Erst im Prozess wird klar, dass es ihre einzige Möglichkeit ist, an Literatur zu kommen.
Hannas zentrales Merkmal ist ein Geheimnis: Sie kann weder lesen noch schreiben. Um es zu verbergen, wechselt sie Stellen, sobald eine Beförderung sie zwingen würde, Formulare auszufüllen. So kam sie vor dem Kriegsende von Siemens zur SS, und so verlässt sie die Stadt, als die Straßenbahn sie zur Fahrerin ausbilden will. Vor Gericht gibt sie lieber zu, einen belastenden Bericht geschrieben zu haben, als ihr Analphabetentum offenzulegen. Dafür nimmt sie eine lebenslange Haftstrafe in Kauf.
Im Prozess zeigt sich eine andere Seite: Hanna antwortet offen, wo ihre Mitangeklagten lügen, und fragt den Richter, was er an ihrer Stelle getan hätte. Diese Frage macht sie weder unschuldig noch sympathisch, aber sie macht sie für Michael und für die Leser schwer einzuordnen. Im Gefängnis lernt Hanna mit Michaels Kassetten lesen und liest Bücher über die Lager. Kurz bevor sie entlassen werden soll, nimmt sie sich das Leben.
Michael Berg: der Erzähler, der zu spät versteht
Michael erzählt die Geschichte in der Ich-Form und im Rückblick. Als Fünfzehnjähriger ist er krank, unsicher und in Hanna verliebt. Die Affäre macht ihn selbstbewusster, entfremdet ihn aber auch von Familie und Freunden. Dass er Hanna vor den Mitschülern verleugnet, wird für ihn später zum Ausgangspunkt eines lebenslangen Schuldgefühls, als sei er für ihr Verschwinden verantwortlich.
Als Jurastudent sitzt Michael im Prozess und versteht als Einziger, warum Hanna sich selbst belastet. Er sucht Rat beim Vater, fährt zu dem ehemaligen Lager und bleibt am Ende stumm. Später wird er Rechtshistoriker, also jemand, der sich beruflich mit vergangenem Recht beschäftigt, statt selbst Recht zu sprechen. Seine Ehe scheitert, auch weil er jede Frau mit Hanna vergleicht. Die Kassetten, die er ihr schickt, sind Zuwendung und Distanz zugleich: Er spricht viele Stunden für sie, schreibt aber nie ein persönliches Wort.
Für die Deutung ist wichtig, dass alles, was man über Hanna erfährt, durch Michaels Erinnerung gefiltert ist. Er ist kein neutraler Berichterstatter, sondern jemand, der sich selbst verteidigt und zugleich anklagt. Wie diese Erzählhaltung die Frage nach Schuld verschiebt, zeigt die Interpretation von „Der Vorleser“.
Der Vater: Philosoph ohne Nähe
Michaels Vater ist Philosophieprofessor. Er lebt in seinem Arbeitszimmer, empfängt die Kinder dort fast wie Studenten und bleibt der Familie gegenüber distanziert. Im zweiten Teil sucht Michael bei ihm Rat, ohne seine Beziehung zu Hanna offenzulegen. Der Vater antwortet als Philosoph: Über einen Erwachsenen dürfe man nicht über dessen Kopf hinweg entscheiden, man müsse mit ihm selbst sprechen. Michael hört darin vor allem die Erlaubnis zu schweigen. Er spricht weder mit dem Gericht noch mit Hanna.
Die Szene zeigt das Verhältnis zweier Generationen: Ein Vater, der über die Zeit des Nationalsozialismus nicht spricht, gibt dem Sohn eine kluge, aber folgenlose Antwort. Im Film spielt Matthias Habich den Vater, der dort Peter Berg heißt.
Mutter und Tochter: die Überlebenden
Von den Frauen, die in der brennenden Kirche eingeschlossen waren, überleben nur eine Mutter und ihre Tochter. Die Tochter hat ein Buch über das Lager geschrieben, das im Prozess eine wichtige Rolle spielt, und tritt dort als Zeugin auf; die Aussage der Mutter wird in Israel aufgenommen. Sie ist die einzige Figur, die Hanna aus der Perspektive der Opfer sieht, und darum ein Gegengewicht zu Michaels Blick.
Im dritten Teil besucht Michael die Tochter in New York, um ihr Hannas Erspartes zu überbringen. Sie lehnt es ab, damit Hanna keine Absolution erhält, behält aber die Teedose, weil sie als Kind selbst eine solche Dose besessen hatte, die ihr im Lager genommen wurde. Das Geld geht in Hannas Namen an eine jüdische Organisation gegen Analphabetismus. Im Film spielt Alexandra Maria Lara die junge, Lena Olin die ältere Ilana Mather. Olin übernimmt zusätzlich die Rolle der Mutter Rose Mather.
Weitere Figuren
Der Professor
Der Leiter des Seminars nimmt seine Studenten mit in den Prozess, weil er die Aufarbeitung der Vergangenheit für eine Aufgabe ihrer Generation hält. Im Film heißt er Professor Rohl und wird von Bruno Ganz gespielt.
Die Mitangeklagten
Die anderen Aufseherinnen verteidigen sich geschickter als Hanna. Sie schieben ihr die Verantwortung für den Bericht zu und erhalten kürzere Strafen. Ihr Verhalten macht deutlich, wie sehr Hanna sich durch ihr Schweigen selbst schadet.
Gertrud und Julia
Michael heiratet während des Referendariats Gertrud, eine Kommilitonin. Die Ehe hält nicht, die gemeinsame Tochter Julia wächst zwischen beiden auf. Im Film spielt Hannah Herzsprung die erwachsene Julia, der Michael am Ende von Hanna erzählt.
Die Figurenkonstellation in „Der Vorleser“
Im Zentrum stehen Hanna und Michael, deren Beziehung sich in jedem Teil verschiebt: von Geliebten über Angeklagte und Zuschauer bis zu Gefangener und Vorleser. Um sie herum gruppieren sich zwei Kreise. Auf Michaels Seite stehen Vater, Professor und Familie, die ihm Rat geben oder ihn spiegeln. Auf Hannas Seite stehen die Mitangeklagten und die Überlebenden, an denen sich ihre Schuld messen lässt.
| Figur | Beziehung und Funktion |
|---|---|
| Hanna Schmitz | Geliebte, Angeklagte, Gefangene; verbirgt ihren Analphabetismus |
| Michael Berg | Erzähler, Geliebter, Zuschauer im Prozess, Vorleser auf Kassette |
| Der Vater | Philosoph, gibt Michael den Rat, der zum Schweigen führt |
| Die Tochter | Überlebende, Zeugin, Autorin; entscheidet über Hannas Geld |
| Der Professor | Leitet das Seminar und steht für die Aufarbeitung |
| Gertrud, Julia | Michaels Ehe und Tochter; zeigen, was er weitergibt |
Wer die Handlung noch einmal in Ruhe nachlesen will, findet sie in der Zusammenfassung. Alle Seiten zu Buch und Film sind auf der Startseite von Leselampe gebündelt.
Was oft gefragt wird
01Wer ist die Hauptfigur in „Der Vorleser“?
Michael Berg ist Ich-Erzähler und Hauptfigur zugleich. Im Zentrum seiner Erzählung steht aber Hanna Schmitz, deren Leben er rückblickend zu verstehen versucht.
02Wie lässt sich Hanna Schmitz charakterisieren?
Hanna ist verschlossen, pflichtbewusst und stolz. Sie verbirgt ihr Leben lang, dass sie nicht lesen und schreiben kann, und richtet wichtige Entscheidungen danach aus, auch ihren Wechsel von Siemens zur SS und ihr Verhalten vor Gericht.
03Warum hilft Michael Hanna im Prozess nicht?
Michael weiß, dass Hanna den belastenden Bericht nicht geschrieben haben kann. Er schweigt dennoch, aus Unsicherheit, aus Respekt vor ihrer Entscheidung, wie sein Vater ihm rät, und wohl auch aus dem Wunsch, sich von ihr zu lösen.
04Wer ist die Tochter im Prozess?
Sie hat mit ihrer Mutter die Brandnacht in der Kirche überlebt und als Zeugin ausgesagt. Später lebt sie in New York und hat ein Buch über das Lager geschrieben. Im Film heißt sie Ilana Mather und wird von Alexandra Maria Lara und Lena Olin gespielt.
05Welche Rolle spielt Michaels Vater?
Der Vater ist Philosophieprofessor. In einem Gespräch erklärt er Michael, dass man über einen Erwachsenen nicht gegen dessen Willen entscheiden dürfe. Michael versteht das als Bestätigung, zu schweigen.